Das Cynefin-Framework

Wolfgang Nichtl-Pecher , 17. April 2019

Problemsituationen differenziert und angemessen erfassen

Das von David Snowden$) entwickelte Cynefin Framework ist ein Modell, das zur Beschreibung von Systemen, Situationen, Projekt- oder Management-Aufgaben unterschiedlichster Typologie verwendet wird. Das Modell liefert einen Orientierungsansatz, um zu hinterfragen, ob die Herangehensweise an eine bestimmte Problemstellung geeignet ist.

Das Modell unterscheidet fünf verschiedene Domänen mit entsprechendem Kontext: „Simple/Einfach“, „Complicated/Kompliziert“, „Complex/Komplex“, „Chaotic/Chaotisch“ und „Disorder/Unordnung“. Für jede dieser Domänen empfiehlt das Modell eine Vorgehensweise, um ein System zu steuern, eine bestimmte Situation oder Aufgabe zu lösen.

Basierend auf unseren Erfahrungen mit der Lösung von Problemen unterschiedlichster Art und Schwierigkeit haben wir versucht, die verschiedenen Qualitätsmethoden und -werkzeuge den entsprechenden Domänen des Cynefin-Frameworks zuzuordnen. Je nach Kontext und Situation des zu lösenden Problems empfiehlt es sich, die entsprechenden Qualitätsmethoden und -werkzeuge anzuwenden, um die jeweilige Problemsituation differenziert und angemessen zu erfassen bzw. zu lösen.

Problem-Typen und das richtige Vorgehen

„Einfache“ Probleme

Die Domäne „Simple“ beschreibt Problemsituationen, in denen ein eindeutiger Ursache-Wirkungszusammenhang besteht. Es existieren sich wiederholende Muster und eindeutige Ergebnisse. Zur Lösung von Problemen mit einer einfachen Ursache-Wirkungs-Relation bietet sich z.B. das 5S-Vorgehen, ein Fishbone-Diagramm oder die 5 Why-Methode an. Das Cynefin-Framework empfiehlt hierfür das Handlungsmuster "Beobachten - Klassifizieren - Reagieren". Bewährte Praktiken (Best Practices) sind bekannt und können ohne tiefgehende Fachkenntnis angewandt werden.

„Komplizierte“ Probleme

Komplizierte Problemsituationen sind dadurch gekennzeichnet, dass die Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen den einzelnen Faktoren so vielfältig und zahlreich sind, dass man eine Analyse, ein Experiment oder Expertenwissen benötigt, um das Problem zu verstehen und zu lösen. Zur Lösung von komplizierten Problemen stehen Methoden wie ANOVA, PDCA oder Wertstrom-Mapping (VSM) zur Verfügung. Das komplizierte Problem kann durch Zerlegen in einfachere Probleme gelöst werden. Das empfohlene Handlungsmuster für komplizierte Systeme lautet: "Beobachten - Analysieren - Reagieren". In der Regel gibt es zur Lösung mehrere „gute“ Möglichkeiten (Good Practices).

„Komplexe Probleme“

Die Domäne „Complex“ beschreibt Problemsituationen in denen der Ursache-Wirkungszusammenhang - wenn überhaupt - nicht mehr vorausschauend, sondern bestenfalls im Rückblick erkannt werden kann. Mehrfache und nichtlineare Wechselwirkungen verursachen das Problem. Es gibt erkennbare Orientierungsmuster, viele Unbekannte und zahlreiche konkurrierende Ideen zur Lösung. Hypothesentests, Design of Experiment oder Data Mining werden angewandt, um das Problem zu beschreiben und zu lösen.

Da eine Analyse in komplexen Systemen oft nur mit großem Aufwand möglich ist, empfiehlt das Cynefin-Framework die Vorgehensweise "Probieren - Beobachten - Reagieren". Dahinter steckt die Annahme, dass ein komplexes System reproduzierbare Antworten gibt, nach denen man seine Handlungen ausrichten kann. Komplexe Problemsituationen bieten die Chance für kreative und innovative Lösungsansätze, sogenannte „Emergent Practices“. Grundsätzlich lassen sich Methoden, die für die Lösung komplexer Probleme eingesetzt werden, auch für die Lösung komplizierter oder einfacher Probleme verwenden. Der Aufwand hierfür ist jedoch in der Regel nicht angemessen.

“Chaotische Probleme“

In chaotischen Systemen können keine Ursache-Wirkungsbeziehungen identifiziert werden. Wechselwirkungen und Beziehungen sind zufälliger Natur. Auf identischen Input kann das System mit unterschiedlichen Outputs reagieren, da es sich beständig verändert. Turbulenzen kennzeichnen die Situation. Entscheidungen sind unter hohem Zeitdruck nötig. Ein gezieltes und gesteuertes Vorgehen ist in chaotischen Systemen nicht möglich. Die empfohlene Handlungsweise ist „Handeln - Beobachten - Reagieren“. Völlig neuartige Methoden und Verfahren (Novel Practices) bieten eine Möglichkeit zur Lösung.

„Unordnung“

Die zentrale Domäne „Unordung“ adressiert all diejenigen Fälle, bei denen noch nicht klar ist, um welchen Problemtyp es sich handelt. In diesem Fall ist es nötig, zunächst die Situation zu bewerten und zu entscheiden, welcher Problemtyp vorliegt oder überwiegt.

$) Dave J. Snowden, “Cynefin, A Sense of Time and Place: An Ecological Approach to Sense Making and Learning in Formal and Informal Communities” conference proceedings of KMAC at the University of Aston, July 2000. Dave J. Snowden and Mary E. Boone, A Leader´s Framework for Decision Making, Harvard Business Review, Nov 2007.