Grundlagen, Ziele & Methoden.

Lean Information Management

1. Einleitung

In der heutigen digitalen Ära sehen sich Unternehmen mit einer exponentiell wachsenden Menge an Informationen konfrontiert. Die effiziente Verwaltung dieser Datenmengen ist entscheidend für den Unternehmenserfolg. Lean Information Management (LIM) bietet einen Ansatz, um Informationssysteme effektiv, effizient und nachhaltig zu gestalten, indem Prinzipien des Lean Managements /1/ /2/ auf das Informationsmanagement angewendet werden. Dieser Artikel beleuchtet die Grundlagen, Ziele, Methoden und Vorteile von LIM und bietet ein Literaturverzeichnis zur Vertiefung des Themas.

2. Ausgangslage

Die zunehmende Digitalisierung von Geschäftsprozessen führt dazu, dass Datenvolumen, Komplexität und Kosten für Informationssysteme permanent steigen. So wächst zum Beispiel das Informationsvolumen jährlich um etwa 40 % /6/, wobei sich die Datenmenge alle zwei bis drei Jahre verdoppelt /7/. Ein großer Teil der Daten beleibt dabei ungenutzt wie entsprechende Studien zeigen. Beispielsweise entfallen circa 30 % der Arbeitszeit auf das Suchen von Informationen, wobei in 40 % der Fälle die Suche erfolglos abgebrochen wird /8/.

Dies führt zu steigender Komplexität und erhöhten Kosten für die Erfassung, Verarbeitung, Speicherung und Weiterleitung von Informationen. Zudem fehlt es oft an Transparenz über Verbesserungspotenziale und Informationskosten, insbesondere in den indirekten Bereichen.

Unternehmen stehen deshalb vor der Herausforderung, riesige Mengen an Informationen zu organisieren und zu verwalten, dabei jedoch sicherzustellen, dass die richtigen Informationen zur richtigen Zeit in der richtigen Form verfügbar sind.

3. Grundlagen des Lean Information Managements

Lean Information Management (LIM) beschreibt die Planung, Steuerung und Gestaltung effektiver und effizienter Informationssysteme zur kontinuierlichen und nachhaltigen Verbesserung des Unternehmenserfolgs. Inspiriert von den Prinzipien des Lean Managements, konzentriert sich LIM darauf, Verschwendung in Informationsprozessen zu reduzieren, den Wert für die Nutzer zu maximieren und Effizienz sowie Transparenz zu fördern.

Im Kern geht es bei LIM um die Frage: Wie kann Information effizient bereitgestellt, verarbeitet und genutzt werden, um Entscheidungen zu verbessern und die Wertschöpfung zu steigern. Es stehen dabei nicht nur technologische Aspekte im Fokus, sondern auch Organisationsstrukturen, Prozesse und Verhaltensweisen der Mitarbeitenden.

4. Ziele des LIM-Ansatzes

Ziel ist es, nicht-wertschöpfende Tätigkeiten in Informationsprozessen zu reduzieren, Informationsmengen sinnvoll aufzubereiten bzw. zu reduzieren, um somit Information als Ressource zur Erreichung von Unternehmenszielen bestmöglich zu nutzen.

Die wesentlichen Ziele dieses Ansatzes lassen sich wie folgt zusammenfassen: 

  • Reduktion von Verschwendung: Vermeiden von unnötigen, nicht wertschöpfenden Aktivitäten wie z.B. redundante Dateneingaben, Überinformationen oder ineffiziente Kommunikationswege.
  • Erhöhen der Transparenz: Sicherstellen, dass Informationen für alle relevanten Stakeholder sichtbar und zugänglich sind.
  • Effizienzsteigerung: Optimierung des Informationsstroms, um Zeit und Ressourcen zu sparen.
  • Verbesserung der Qualität von Entscheidungen: Bereitstellen qualitativ hochwertiger Informationen, die Entscheidungsprozesse unterstützen und beschleunigen.
  • Mitarbeiterzufriedenheit: Steigerung der Mitarbeiterzufriedenheit und -motivation durch klare Prozesse und leicht zugängliche Informationen.

Letztlich verfolgt LIM das Ziel, eine Organisation flexibler, agiler und wettbewerbsfähiger zu machen, indem es eine solide Informationsbasis schafft.

5. Prinzipien des Lean Information Managements

LIM basiert auf klar definierten Prinzipien, die eng an die Lean-Philosophie angelehnt sind. Die Prinzipien lauten:

  • Wertdefinition: Identifikation, welche Informationen für den Kunden oder das Unternehmen wertvoll sind bzw. die einen echten Mehrwert für den Endnutzer bieten.
  • Wertstromanalyse: Analyse der Informationsströme, um wertschöpfende von nicht-wertschöpfenden Aktivitäten zu unterscheiden.
  • Flussoptimierung: Schaffen eines reibungslosen Informationsflusses ohne Unterbrechungen oder Verzögerungen. Entwicklung standardisierter Informationsprozesse samt ihren Schnittstellen, um Konsistenz und Effizienz zu gewährleisten.
  • Pull-Prinzip: Bereitstellung von Informationen basierend auf dem tatsächlichen Bedarf der Nutzer, anstatt Informationen unstrukturiert zu verteilen.
  • Perfektion: Regelmäßige Analyse und kontinuierliche Verbesserung der Informationsprozesse, um Effizienz und Effektivität zu steigern.

Diese Prinzipien sowie das Einbeziehen der Mitarbeitenden in die Gestaltung und Optimierung von Informationsprozessen bilden die Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung von LIM im Unternehmen.

6. Methoden und Werkzeuge

LIM verwendet eine Vielzahl von Methoden und Werkzeugen /5/, um Informationsprozesse zu analysieren, zu optimieren und zu standardisieren. Hier sind einige der wichtigsten Ansätze:

  • Wertstromanalyse: Ein Wertstromdiagramm /3/ zeigt den kompletten Informations- und Materialfluss in einer kompakten und schematischen Form mit allen wertschöpfenden und nicht wertschöpfenden Tätigkeiten. Ziel ist eine detaillierte Darstellung und Analyse aller Schritte im Informationsfluss die nicht wertschöpfend sind. Hierzu werden die sieben klassischen Verschwendungsarten (z. B. Überinformation, fehlerhafte Informationen) auf Informationsprozesse übertragen, um Effizienz, Produktivität und Arbeitsbedingungen zu verbessern.
  • Informationsstrukturanalyse: Mit Hilfe der Informationsstrukturanalyse lässt sich der Informationsfluss in einer Organisation darstellen. Ziel der Informationsstrukturanalyse ist es, zu ermitteln, ob z.B. eine bereitgestellte Information den Adressaten wie gewünscht erreicht, ob diese für den Empfänger nützlich ist, etc. Auf diese Weise können Informationsangebot und -bedarf ermittelt und abgeglichen werden.
  • 5S-Methode: Die 5S-Methode unterstützt das systematisches Vorgehen zur Organisation und Standardisierung von Informationssystemen, um Effizienz, Ordnung und Transparenz zu fördern. Durch das konsequent Anwenden der Methode lassen sich klare Strukturen etablieren, die eine effiziente Nutzung und Pflege von Daten gewährleisten. 5S kann somit zur kontinuierlichen Verbesserung der Informationsprozesse und zur Erhöhung der Datenqualität beitragen.
  • Kanban: Kanban ermöglicht eine transparente und dynamische Steuerung des Informationsflusses, indem es Engpässe sichtbar macht, eine Priorisierung der Aufgaben erlaubt und somit eine kontinuierliche Optimierung der Arbeitsprozesse unterstützt. Durch die Begrenzung der gleichzeitig in Arbeit befindlichen Aufgaben (Work-in-Progress-Limits) wird sichergestellt, dass Informationsmanagementprozesse effizient ablaufen und Ressourcen gezielt eingesetzt werden. In der Praxis führt dies zu einer verbesserten Reaktionsfähigkeit auf Veränderungen, einer gleichmäßigen Arbeitsverteilung und einer höheren Qualität der Informationsverarbeitung.
  • Digitale Werkzeuge: Digitale Werkzeuge ermöglichen eine datengetriebene Analyse und Optimierung von Informationsprozessen, indem sie Transparenz schaffen und ineffiziente Strukturen aufdecken. Durch den Einsatz von Process Mining lassen sich beispielsweise Engpässe und Verzögerungen identifizieren, während ERP- und CMS-Systeme eine nahtlose Integration und Verwaltung von Informationen über Abteilungen hinweg ermöglichen. Kollaborationsplattformen fördern zudem den effizienten Austausch und die strukturierte Speicherung von Wissen, wodurch die Agilität und Qualität des Informationsmanagements nachhaltig gesteigert werden.

Durch die Kombination dieser Methoden und Werkzeuge können Unternehmen ihre Informationsprozesse nachhaltig verbessern. Die Umsetzung erfolgt dabei „Bottom-up“ in drei Stufen: Arbeitsplatz, Prozesse und Unternehmen. Ein zentraler Ansatz ist die Standardisierung und Vereinfachung von Informationsprozessen vor der Digitalisierung.

7. Nutzen von Lean Information Management

Die Implementierung von LIM bietet zahlreiche Vorteile für Unternehmen:

  • Ökonomisch: Reduktion von Zeitaufwand und Ressourcen durch optimierte, schlanke Informationsprozesse. Vermeiden von Doppelarbeit und fehlerhafter Informationen. Kostensenkung durch weniger „Datenmüll“.
  • Ökologisch: Reduktion des Energiebedarfs und der CO₂-Emissionen in Rechenzentren. 
  • Technologisch: Standardisierte Informationsprozesse erleichtern die Digitalisierung und den Einsatz moderner Technologien.
  • Ergonomisch: Eine höhere Qualität der bereitgestellten Informationen und ein transparenter Informationsfluss führt zu einer verbesserten Entscheidungsfindung oder erlaubt eine schnellere Anpassung an sich ändernde Marktanforderungen.

Ein effizienter Umgang mit Informationen kann somit einen erheblichen Wettbewerbsvorteil darstellen.

Beispiele für den erfolgreichen Einsatz von Lean Information Management sind etwa im Gesundheitswesen die digitale Verwaltung von Patientenakten und die Verkürzung von Zugriffszeiten mit dem Ziel schnellerer Diagnosen und höherer Patientenzufriedenheit oder in der Automobilindustrie die Standardisierung von Informationen zwischen Entwicklung, Produktion und Vertrieb mit dem Ziel kürzerer Entwicklungszeiten und schnellerer Markteinführung.

8. Erfolgsfaktoren bei der Implementierung

Die erfolgreiche Implementierung von Lean Integrated Management (LIM) erfordert eine strategische und gut strukturierte Vorgehensweise. Zu den zentralen Erfolgsfaktoren zählen:

Ein grundlegender Faktor ist die klare Zielsetzung. Unternehmen müssen spezifische und messbare Ziele für die LIM-Initiative definieren, um eine zielgerichtete Umsetzung zu ermöglichen. Dies schafft eine gemeinsame Orientierung und stellt sicher, dass alle Maßnahmen auf die übergeordneten Unternehmensziele ausgerichtet sind. 

Ebenso entscheidend ist die Unterstützung durch das Management. Die aktive Förderung und das Engagement der Unternehmensführung sind unerlässlich, um LIM erfolgreich zu etablieren. Führungskräfte müssen nicht nur als Befürworter agieren, sondern auch aktiv zur Umsetzung beitragen, indem sie Ressourcen bereitstellen, Hindernisse beseitigen und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung fördern. 

Ein weiterer zentraler Erfolgsfaktor ist die Mitarbeiterbeteiligung. Die Akzeptanz und Motivation der Mitarbeitenden spielen eine Schlüsselrolle bei der Einführung neuer Prozesse und Methoden. Durch frühzeitige Einbindung, transparente Kommunikation und Möglichkeiten zur Mitgestaltung lassen sich Widerstände abbauen und eine höhere Identifikation mit den Veränderungen erreichen. 

Darüber hinaus ist eine umfassende Schulung und Weiterbildung erforderlich. Die erfolgreiche Implementierung von LIM setzt voraus, dass Mitarbeitende die Prinzipien, Methoden und Werkzeuge verstehen und anwenden können. Daher sollten gezielte Schulungsmaßnahmen sowie kontinuierliche Weiterbildungsprogramme etabliert werden, um das erforderliche Wissen und die Kompetenzentwicklung sicherzustellen. 

Ein oft unterschätzter, aber essenzieller Aspekt ist die technologische Infrastruktur. Die Auswahl und Implementierung geeigneter Softwarelösungen und digitaler Tools unterstützen eine effiziente Datenerfassung, -analyse und -nutzung, wodurch LIM-Prozesse optimiert werden können. Dabei ist darauf zu achten, dass die eingesetzten Technologien sowohl funktional als auch benutzerfreundlich sind. 

Schließlich ist ein regelmäßiges Monitoring erforderlich, um Fortschritte messbar zu machen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen. Eine kontinuierliche Erfolgskontrolle anhand definierter Kennzahlen ermöglicht es, Abweichungen frühzeitig zu identifizieren und LIM-Strategien flexibel weiterzuentwickeln. Dies sichert nicht nur den nachhaltigen Erfolg der Initiative, sondern fördert auch eine lernende Organisation. 

Insgesamt hängt der Erfolg der LIM-Implementierung von einem klaren Fahrplan, dem konsequenten Engagement aller Beteiligten und einer kontinuierlichen Verbesserungskultur ab. Durch eine strategische Herangehensweise und die Berücksichtigung dieser Erfolgsfaktoren kann LIM langfristig zur Effizienzsteigerung und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens beitragen.

9. Herausforderungen bei der Implementierung

Trotz der zahlreichen Vorteile gibt es auch Herausforderungen bei der Umsetzung von LIM zu bewältigen, die nicht zu unterschätzen sind:

  • Widerstand gegen Veränderung: Mitarbeitende verhalten sich skeptisch gegenüber neuen Prozessen und veränderten Arbeitsabläufen.
  • Komplexität der Informationsprozesse: Die Analyse und Optimierung erweist sich als anspruchsvoller und zeitaufwendiger als geplant.
  • Fehlende Ressourcen: Begrenzte finanzielle oder personelle Ressourcen können die Implementierung erschweren.
  • Technologische Hürden: Die Integration neuer Systeme in bestehende IT-Infrastrukturen kann sich kostenintensiv gestalten.

Eine frühe Identifikation und eine proaktive Handhabung dieser Herausforderungen sind entscheidend für eine erfolgreiche Implementierung von LIM.

10. Potentiale und Fazit

Die Potenziale von Lean Information Management sind enorm. In einer datengetriebenen Welt bietet LIM die Möglichkeit, Informationsprozesse zu einem Wettbewerbsvorteil zu machen /4/. Unternehmen, die LIM erfolgreich umsetzen, können ihre Effizienz steigern, Kosten senken und schneller auf Veränderungen reagieren.

LIM birgt ein Produktivitätspotenzial von 30-45 %, wovon etwa 15-20 % realisiert werden können /9/, /10/. Für ein mittelständisches Unternehmen mit 100 Mitarbeitern ergibt sich daraus ein geschätztes jährliches Einsparpotenzial von bis zu 750.000 Euro. Neben diesem Einsparpotenzial, ergeben sich - bedingt durch die steigenden Informationsmengen - zusätzliche Einsparpotentiale bei der elektronischen Datenspeicherung und -verarbeitung. Neben den finanziellen Vorteilen trägt LIM zur Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltigen Entwicklung von Unternehmen bei.

Für eine erfolgreiche Implementierung ist eine strategische Vorgehensweise erforderlich, die sowohl technologische und organisatorische als auch kulturelle Aspekte berücksichtigt. Mit der richtigen Kombination aus Methoden, Werkzeugen und Engagement der Mitarbeitenden kann LIM hierbei einen nachhaltigen Mehrwert für das Unternehmen schaffen.

11. Haben wir Ihr Interesse geweckt?

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12. Literatur

  • /1/ Womack, J. P., & Jones, D. T. (1996): Lean Thinking: Banish Waste and Create Wealth in Your Corporation. Simon & Schuster.
  • /2/ Liker, J. K. (2004): The Toyota Way: 14 Management Principles from the World's Greatest Manufacturer. McGraw-Hill.
  • /3/ Rother, M., & Shook, J. (1999): Learning to See: Value Stream Mapping to Add Value and Eliminate MUDA. Lean Enterprise Institute.
  • /4/ Marr, B. (2015): Big Data: Using Smart Big Data, Analytics and Metrics to Make Better Decisions and Improve Performance. Wiley.
  • /5/ van Aken, E. M., Farris, J. A., & Glover, W. J. (2010): Lean Management: Tools, Techniques, and How to Use Them. Productivity Press.
  • /6/ Fast LTA (2016). Die wahren Kosten der Datenexplosion — und wie man sie in den Griff bekommt. Abgerufen am 01.02.25 unter: https://www.storage-insider.de/die-wahren-kosten-der-datenexplosion-und-wie-man-sie-in-den-griff-bekommt-a-528252/
  • /7/ migRaven GmbH (2020). Fünf Wege aus dem Daten-Chaos. Intelligentes Datenmanagement statt Big Data. White Paper.
  • /8/ Redman, TC. (2008). Data Driven: Profiting from Your Most Important, Business Asset. Harvard Business Press.
  • /9/ Wittenstein, A-K. et.al. (2006). Lean Office 2006. Studie IPA Fraunhofer-Institut Produktionstechnik und Automatisierung und KAIZEN Institute.
  • /10/ Spath, D. (Hrsg) (2009). Office 21®-Studie. Information Work 2009. Über die Potenziale von Informations- und Kommunikationstechnologien bei Büro- und Wissensarbeit. IAO Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation. Fraunhofer IRB Verlag.